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Stoffgruppen mit bekannten kritischen Eigenschaften |
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Einen weiteren Schwerpunkt des Umweltbundesamtes unter REACH bilden Stoffgruppen mit bekannt kritischen Eigenschaften für Mensch und Umwelt. Dazu gehören beispielsweise zinnorganische Verbindungen, per- und polyfluorierte Chemikalien, Phthalate und bromierte Flammschutzmittel. Für diese Stoffgruppen wird kontinuierlich die Notwendigkeit einer behördlichen Regulierung geprüft. Ebenso wird durch uns geprüft welche weiteren Stoffgruppen kritische Eigenschaften haben könnten.
Zinnorganika Tributylzinnverbindungen (Tributyl-, Tripropyl-, Triphenylzinn) wurden in der Vergangenheit in Antifouling-Anstrichen auf Schiffen eingesetzt. Heute werden sie in Europa (außer bei Synthesen) nicht mehr eingesetzt, denn die Biozid-Richtlinie verbietet EU-weit den Einsatz aller zinnorganischen Verbindungen in Antifouling-Anstrichen und als Holzschutzmittel. Grund dafür sind ihre endokrinen Wirkungen, die zu signifikanten Veränderungen der marinen Umwelt führten. Weitere EU-weite Beschränkungen für die Vermarktung von Erzeugnissen sind kurz vor der Verabschiedung. Auch Tributylzinnoxid wurde unter REACH bereits als SVHC identifiziert.
„Organozinnverbindungen werden
durch das Umweltbundesamt kontinuierlich auf die Notwendigkeit
einer Zulassungspflicht überprüft“. Teflon®, Gore-tex®,
Scotchgard®, Stainmaster® und SilverSone® sind nur fünf von
vielen bekannten Markennamen, hinter denen sich Per- und
polyfluorierten Chemikalien (PFC) verbergen. Sie sind aufgrund
ihrer einzigartigen Eigenschaften sehr beliebt und finden sich
daher in vielen alltäglichen Produkten wieder. Die bekanntesten
PFC sind die Perfluoroktansäure (PFOA) und die
Perfluorsulfonsäure (PFOS), die fluorchemische Unternehmen schon
seit über 50 Jahren herstellen. PFC finden in vielen Bereichen
Anwendung, zum Beispiel in Antihaft-Beschichtungen für Pfannen,
als Regenschutz bei Bekleidung, in Feuerlöschschäumen oder zur
Papierveredlung. „Deutschland wird PFOA als SVHC nach Art. 57 Abs. c und f der REACH-Verordnung nominieren“. Das Umweltbundesamt sieht in der Information der Öffentlichkeit über PFC einen wichtigen Beitrag zur Einschränkung der Verwendung durch den Verbraucher und hat deswegen ein Hintergrundpapier zu „Per- und Polyfluorierte Chemikalien – Einträge vermeiden, Umwelt schützen“ veröffentlicht. Phthalate finden vor allem als Weichmacher für Polyvinylchlorid (PVC) Verwendung und verleihen so dem an sich harten und spröden Kunststoff elastische Eigenschaften. Als schwerflüchtige Verbindungen können sie langsam und dauerhaft während der Nutzung aus Produkten ausdünsten. Mensch und Umwelt sind ihnen durch die vielfältigen Anwendungen des Weich-PVC als Bodenbeläge, Kunstleder, Babyartikel, Kinderspielzeug, Verpackungen usw. ausgesetzt. Phthalate neigen dazu, sich an Partikel anzulagern und sind deshalb überall dort zu finden, wo Produkte mit Weichmachern hergestellt oder benutzt werden. Staubpartikel transportieren Phthalate in der Luft über größere Strecken. So gelangen sie auch in weit vom ursprünglichen Anwendungsort entfernte Gebiete. „Da bisher keine ausreichenden Stoffdaten vorliegen, ist geplant, für die vorregistrierten Phthalate vorhandene Monitoringstudien auszuwerten und die Produktionsvolumina zu erfassen“. Die Phthalate DEHP (Di(2-ethylhexyl)phthalat), BBP (Butylbenzylphthalat) und DBP (Dibutylphthalat) reproduktionstoxisch. Deshalb schlägt die ECHA DEHP, BBP und DBP als besonders besorgniserregende Stoffe für eine Zulassungspflicht vor. Das Umweltbundesamt überprüft derzeit für 68 Phthalate, die in Europa mit über 1000 Tonnen jährlich vermarktet werden, ob sie wegen ihrer Persistenz in Boden, Sediment und Oberflächengewässern und ihrer Anreicherung in Organismen die PBT-/vPvB-Kriterien erfüllen. Dazu werden auch Daten aus der Umweltbeobachtung ausgewertet. Nach Eingang der Registrierungsdossiers Ende 2010 wird das Umweltbundesamt neue Stoffdaten zusammenstellen und prüfen, ob weitere Phthalate für eine Zulassungspflicht oder Beschränkungen vorzuschlagen sind. Flammschutzmittel dienen dazu, die Entzündung brennbarer Kunststoffe, Textilien oder Holz hinauszuzögern und die Flammausbreitung zu verlangsamen. Bromierte Flammschutzmittel sind relativ kostengünstig und mit einer breiten Palette von Kunststoffen gut kombinierbar. In einem voll entwickelten Brand brennen aber auch flammgeschützte Gegenstände und es können hochgiftige bromierte Dioxine und Furane entstehen. Weltweit weisen Forscher bromierte Flammschutzmittel in Sedimenten, Stäuben und in zahlreichen Tierarten wie Greifvögeln (und deren Eier), Eisbären, Robben oder Füchsen nach. Mit den globalen Luftströmungen gelangen sie auch in weit abgelegene Gegenden, wie die Polarregionen. Die wissenschaftliche Welt diskutiert derzeit das Umweltverhalten bromierter Flammschutzmittel. Denn das Abbauverhalten und die Mechanismen der Bioakkumulation sind strittig. Auch das Umweltbundesamt forscht mit seiner Fließgewässersimulationsanlage zu offenen Fragen des Umweltverhaltens und wertet eingelagerte Proben der Umweltprobenbank auf bromierte Flammschutzmittel aus. Das Wissen soll in die Bewertung bromierter Verbindungen mit dem Ziel einfließen, Kandidaten für die Zulassungspflicht zu identifizieren. „Daher forscht das Umweltbundesamt selbst zu offenen Fragen des Umweltverhaltens und des Verbleibs in der Umwelt. Ziel ist es, Kandidaten für die Zulassungspflicht zu identifizieren“. Für zwei bromierte Flammschutzmittel Penta-Bromdiphenylether und Octa-Bromdiphenylether sind die Verwendung und Vermarktung EU-weit bereits stark beschränkt. Beide sind für die Stockholmer Konvention (POP-Konvention) als persistente organischen Chemikalien (peristent organic pollutant, POP) vorgeschlagen. „Das Umweltbundesamt beabsichtigt, die die nach der Verwendungsverlagerung marktrelevanten Verbindungen einer vertieften Prüfung zu unterziehen“. Derzeit dominieren die bromierten Flammschutzmittel Deca-Bromdiphenylether (Deca-BDE), Hexabromcyclododecan (HBCD) und Tetrabrombisphenol A (TBBPA) den Markt. HBCD ist ein Zulassungskandidat, TBBPA erfüllt die PBT-Kriterien nicht vollständig und für Deca-BDE laufen weiterführende Tests und Monitoringprogramme zur Klärung offener Fragen. Das Umweltbundesamt registriert mit Besorgnis, dass momentan Marktverlagerungen innerhalb der Stoffgruppe stattfinden. So wird seit einiger Zeit beispielsweise OctaBDE in Gehäusekunststoffen durch TBBPA (Tetrabrombisphenol A), BTBPE (Bis(tribromphenoxy)ethan), DecaBDE und DBDEPE (Decabromdiphenylethan) ersetzt. Das Umweltbundesamt beabsichtigt, die marktrelevanten Verbindungen einer vertieften Prüfung zu unterziehen.
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Oktober 2009 |