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Ferntransportpotential

Eine Eigenschaft von Chemikalien, die unter REACH zu berücksichtigen ist

Ferntransport ist der Transport einer Chemikalie mit Luft- oder Meeresströmungen über viele hundert Kilometer weit. Vor allem Chemikalien, die bei der Herstellung, Verwendung oder Entsorgung in die Umwelt gelangen und dort nicht oder nur sehr langsam abgebaut werden, gelangen so auch in entlegene Regionen wie in die Arktis oder in Gebirgsregionen und stören dort die empfindlichen Ökosysteme.

Das UBA hat eine Studie „Bewertungsverfahren zur Identifizierung zulassungspflichtiger Stoffe“ (Forschungskennzeichen 370965409) erarbeiten lassen. In dieser Studie haben die Universität Osnabrück und die ETH Zürich den Ferntransport von Chemikalien untersucht und vorgeschlagen, wie das Ferntransport-Potential (LRTP) besser in die Regelungen der EU-Chemikalienverordnung REACH integriert werden kann.


Ferntransport von Chemikalien erfolgt vor allem in der Atmosphäre mit den Luftströmungen. Gelangt eine Chemikalie in die Atmosphäre, sind die dortige Verweildauer sowie Ablagerungsprozesse, z.B. durch Regen, für die Länge der transportierten Strecke entscheidend. Nach ihrer Ablagerung aus der Atmosphäre kann die Chemikalie durch Verflüchtigung erneut in die Atmosphäre gelangen, transportiert und abgelagert werden. In dauerhaft kalten Regionen, wie den Polarregionen oder Gebirgsregionen, findet wegen der dort vorherrschenden niedrigen Temperaturen keine Verflüchtigung mehr statt. So werden diese Gebiete zu Senken für ferntransportierte Chemikalien. Der Ferntransport langlebiger Chemikalien ist daher ein globales Umweltproblem, das auch die Ökosysteme nahezu unberührter, entlegener Gebiete betrifft.

Die folgenden Fragen wurden in der UBA-Studie bearbeitet:

Welche Bedeutung hat das Ferntransportpotential für die Umweltbewertung von Chemikalien?
Chemikalien, die ein Ferntransportpotential besitzen, verteilen sich in der Umwelt über internationale Grenzen hinweg und können dabei bis in entlegene, sensible Ökosysteme (z.B. die Arktis) transportiert werden. Das Ferntransportpotential von Chemikalien muss unter REACH berücksichtigt werden, um dem Anspruch des Vorsorgeprinzips gerecht zu werden, das auch von den Unternehmen bei der Registrierung eines Stoffes zu beachten ist. Außerdem, ist jeder Mitgliedstaat verpflichtet dafür zu sorgen, dass die Umwelt anderer Staaten nicht durch eigene Aktivitäten beeinflusst wird

Welche Rolle spielt der Transport in anderen Medien wie Meeresströmungen im Vergleich zum atmosphärischen Transport?
Der Transport von Chemikalien mit Hilfe von Meeresströmungen, wandernden Tierarten und durch Bindung an (Mikro-)Plastik-Partikel wurde von den Wissenschaftlern mit dem Transport in der Atmosphäre verglichen. Da der Transport in der Luft um ein bis zwei Größenordnungen schneller ist als in Wasser, werden viele Chemikalien hauptsächlich in der Atmosphäre transportiert. Der Transport mit wandernden Tierarten hat im globalen Maßstab keine Bedeutung. Ebenso scheint der Transport mit Hilfe von (Mikro-)Plastik-Partikeln für die meisten Chemikalien ohne Bedeutung zu sein.

Welche Stoffeigenschaften sind für ein hohes Ferntransportpotential verantwortlich?
Das Potential einer Chemikalie für Ferntransport ist abhängig von ihren physikalisch-chemischen Eigenschaften sowie von den vorherrschenden Umweltbedingungen. Eine erste Abschätzung des Ferntransport-Potentials für eine Chemikalie machen Wissenschaftler mit Hilfe einer Kombination aus Verteilungskoeffizienten und Abbau-Halbwertzeiten. Dabei beschreiben Verteilungskoeffizienten die Verteilung einer Chemikalie zwischen den Umweltmedien, z.B. Luft und Wasser (KLuft,Wasser). Zur Abschätzung der Verweilzeit der Chemikalie im jeweiligen Transportmedium (Luft, Wasser) wird die Halbwertzeit für den dortigen Abbau der Chemikalie bestimmt (Zeit, nach der 50 % der Gesamtmenge einer Chemikalie abgebaut sind). In der Stockholm Konvention zu Identifizierung von persistenten organischen Schadstoffen (POP-Konvention) wurde festgelegt, dass eine Chemikalie mit einer Halbwertzeit in der Luft von > 2 Tagen ein Potential zum Ferntransport besitzt.

Wie lassen sich Monitoringdaten zur Beurteilung des Ferntransportpotentials verwenden?
Monitoring-Daten können ein wichtiger Hinweis für den Ferntransport einer Chemikalie sein. Allerdings empfiehlt die Wissenschaftlergruppe, dass die Interpretation von Monitoringdaten immer durch Modellergebnisse (Multimedia Modelle) unterstützt werden sollte.

Wie kann das Ferntransportpotential in der PBT-Bewertung unter REACH berücksichtigt werden?
In der Europäischen Chemikalienverordnung REACH gehören giftige und langlebige Stoffe, die sich stark in Organismen anreichern (PBT-Stoffe) und sehr langlebige Stoffe, die sich sehr stark in Organismen anreichern (vPvB-Stoffe) zu den für die Umwelt besonders besorgniserregenden Stoffen (SVHC = substances of very high concern). Das Ferntransportpotential sollte in der PBT-Bewertung ebenfalls berücksichtigt werden, ein Algorithmus dafür fehlt jedoch bisher. Der REACH-Leitfaden „Guidance on information requirements and chemical safety assessment, Chapter R.11: PBT Assessment“ beschreibt die Möglichkeit der Berücksichtigung des Ferntransportpotentials in „borderline“-Fällen. Was das heißen kann bzw. welche Möglichkeiten es für die Berücksichtigung der Ferntransportpotentials in der PBT-Bewertung unter REACH gibt, muss von Experten der EU-Mitgliedstaaten weiter diskutiert werden.

Abschlussbericht: